"It's the singer, not the song" (M. Jagger)
"Because Of" - Leonard Cohen und die Weiblichkeit
Dieser Aufsatz ist gedacht für Leser und Hörer von Leonard Cohen, die ein etwas tieferes Verständnis für die Psychodynamik seiner Lebensgeschichte erhalten und seine Songs besser verstehen möchten. Er entstand vor allem aus der Übersetzungsarbeit, also aus Analysen der Songs und Interviews. Biografische Hinweise anderer Autoren habe ich nur ergänzend verwendet, ich verließ mich im Wesentlichen auf Cohens eigene Worte. Sie sind umso aussagekräftiger, als Cohen größten Wert auf die Präzision und persönliche Stimmigkeit jeder Zeile legte und damit das Gegenteil jeder oberflächlichen Lovesong-Schreiberei hinterlässt.
Zum Verständnis von Cohens Texten möchte etwas aus psychologischer Sicht ergänzen und mir am Ende einige Worte aus Sicht des Zen erlauben. Ich habe alle seine Songs übersetzt und war schon aus diesem Grund genötigt, mich mit den Inhalten gründlich auseinanderzusetzen. Mir hat es zum Verständnis der Texte sehr geholfen, meinen psychologischen Hinterkopf einzuschalten (und auch, mich an meine eigene Zenzeit, u.a. in einem amerikanischen Kloster, zu erinnern).
Es mag als Mangel angesehen werden, dass ich viele frühe (Nicht-Song-)Gedichte und die Bücher Cohens nicht mit einbezogen habe. Sollten sie meinen Gedankengängen widersprechen, würde ich mich freuen, wenn mir das jemand mitteilt.
Ich beziehe mich vor allem auf Cohens Alben aus den ersten 25 Jahren seines Schaffens, also bis "The Future" (1992). Die letzten Alben "Ten New Songs" und "Dear Heather" aus der Post-Klosterzeit zeigen einen veränderten Leonard Cohen.
Cohen hat der romantischen Liebe konsequent eine Absage erteilt. Er sah bei Paaren - jenseits des Honeymoons - keine Chance auf beständige Liebe oder auch nur ein gegenseitig bereicherndes Leben. Nicht, dass er damit allein stünde oder dass er etwas Neues formulierte, denn Philosophie, Literatur und in unserer Zeit auch die Naturwissenschaften haben das Konzept "Liebe" stets mit deutlichen Fragezeichen versehen.
Bereits im frühen "The Stranger Song" schilderte er die Brüchigkeit und Leere der Mann-Frau-Beziehung, in der zwei Narzissten sich für etwas gegenseitigen Schutz nur brauchen, nicht mehr. Wurde dort das Thema "Beziehung" eher resignativ abgehandelt, finden wir in anderen Songs eine extremere Variante, mit der er uns von seiner übermächtigen Sehnsucht nach erfüllender, sexuell-mythologischer Liebe wissen lässt, wie sie scheiterte und unter welcher Wehmut und Depression er litt. Es gibt darunter manche Songs, die unser Mitgefühl wecken und auch Erstaunen, wenn er seine fast hündische Abhängigkeit von einer Frau beschrieb, die er demütig - und sich selbst demütigend - als Überwesen, als Göttin-Muse wahrnahm und die ihn dennoch abwies. Wenn er dabei sein sexuelles Begehren mit mystischer Verehrung vermengte, schützte ihn das zwar meist vor dem Vorwurf des Sexismus, doch brachte er sich damit allzu oft in die Rolle des Unterlegenen - jedenfalls kam er sich so vor, unverstanden, bettelnd, abgewiesen.
In einem Post-Kloster-Song, dem späteren "Because Of" hingegen zeigt er Selbsterkenntnis und hintergründige Ironie: Mit einem Mann, der Frauen auf ein mystisches Podest stellt, haben diese letztlich Mitleid und - falls sie sich nicht einfach davonmachen - behandeln ihn wie ein Kind. In diesem Song zeigt uns Cohen, dass er sein zentrales Problem verstanden hat:
"Because of a few songs wherein I spoke of their mystery women have been exceptionally kind to my old age. They make a secret place in their busy lives and they take me there. They become naked in their different ways and they say 'Look at me, Leonard ! Look at me one last time.' Then they bend over the bed and cover me up like a baby that is shivering."
Im dazugehörigen Video ist ein alter, unendlich charmanter Cohen zu sehen, dazu hüpfen zwei nackte Girls auf einem Bett herum - eher Betthäschen als Frauen. Soll das andeuten, dass der späte Cohen hinter dem angeblichen Mysterium der Frau nichts anderes sieht als Verführungskunst? Oder war das immer schon seine einzige Art, Frauen wahrzunehmen?
Ich habe mir zur Verdeutlichung eine Variante des Songs angemaßt. Sie entwirft, auf ebenfalls leicht ironische Weise, das Gegenstück zu Cohens einseitiger Fixierung auf Frauen, soll also - hier vorwegnehmend - ein Licht auf jene Orientierung an der Männerwelt werfen, die Cohen nicht wählte oder wählen konnte:
"Because of a few songs wherin I spoke of women's mystery men have been exceptionally compassionated to my helplessness. They tied me up to dancing Shiva and they take me to this Rodeo which was running beyond closing time. They grease their wipes in their different ways and Johnny Cash says, 'Look at me for a change, Leonard! We'll be happy to meet you soon!' And they rest me on a safe place outside the arena and cover me up like a little boy that is shivering."
Doch zurück zu der Zeit vor dem Klosteraufenthalt. In welcher Rolle als Mann sah er sich? Wie kam es zu dieser Vergötterung des Weiblichen? Wenn es um Beziehungswünsche und das Selbstbild geht, schaut ein Psychologe natürlich auf die Psychodynamik des Protagonisten in Kindheit und Jugend. Das erklärt niemals das Ganze, doch ist es vielleicht hilfreich, und ich möchte diesen Weg nutzen.
Der Vater
Bekannter Weise starb Nathan Cohen, als Leonard 9 Jahre alt war. Der frühe Tod eines Vaters hat stets besonderen Einfluss auf die Entwicklung, doch wissen wir nicht viel mehr über die Beziehung von Vater und Sohn Cohen. Die immer wieder erwähnte Anekdote, dass der neunjährige Leonard eine Krawatte des Vaters um einen Brief wickelte, den er für ihn geschrieben hat und das Päckchen im Garten verbrannte, wird meist als Ehrenbezeugung interpretiert, aus psychologischer Sicht kann es ebenso ein Ausdruck von Enttäuschung und Wut sein, dass sein Vater ihn verlassen hat.
Joni Mitchell schilderte Nathan Cohen einmal als nicht kindgerecht erziehend, also eher überfordernd. Leonard verbindet seinen Vater, der wohl an den Langzeitfolgen einer Kriegsverletzung starb, in seinen Songs stets mit Tod und Krieg oder mit bedrohlichen Symbolfiguren wie dem biblischen Abraham ("Story Of Isaac"). Er hinterließ seinem Sohn ein Gewehr, das Cohen später als die einzige Sicherheit in seinem Leben bezeichnete. Die Ambivalenz ist deutlich, denn eine Waffe schützt und tötet zugleich. Auch seine literarische Auseinandersetzung mit dem Vater erscheint ambivalent. In "Everybody Knows" gibt er eine weniger ironische als depressive Beschreibung, wie der Tod eines Vaters empfunden wird - ein verstörtes ("gebrochenes") Gefühl, wie wenn der Hund stirbt:
Everybody got this broken feeling / Like their father or their dog just died
Auch die Songs weisen weniger auf eine Verehrung des Vaters hin, eher auf eine tiefe Sehnsucht (vgl. "Blessed Is The Memory"). Augenfällig ist jedenfalls die fehlende Indentifikation mit dem stets in martialischen Zusammenhängen erwähnten Vater, der wohl ein Befürworter des Kriegs war und Leonard auf eine Militärakademie schicken wollte. Doch es war auch der Krieg bzw. eine Kriegsfolge, die ihm den Vater nahm, und so musste die Einstellung des Sohnes zum Krieg - und allgemeiner, zu gängigen Männlichkeitsidealen - ambivalent bleiben.
Seinen Wunsch nach einem guten, weisen Vater finden wir in dem tief berührenden Song "To A Teacher" wieder, erkennen ihn auch in der Verehrung von Irving Layton und seinem Zenmeister. Cohen wuchs als behüteter Junge auf, außerhalb seiner Kunst musste er nie arbeiten, und so ergab sich keine Notwendigkeit - und auch nicht die Chance -, eine andere Männerrolle zu entwickeln, etwa durch Arbeit mit Männern, durch Rivalität mit ihnen, und vor allem in Männerfreundschaften.
In einem Kommentar zu "Night Comes On" sagte Cohen:
"Im Leben eines Mannes repräsentiert die Mutter die Gewissheit, geborgen zu sein, ein Zustand, der Stärke verleiht. In der zweiten Strophe geht es um Kampf und diese Idee, 'Gern würd' ich so tun, als wär' mein Vater im Unrecht / Doch junge Rekruten will man nicht belügen' ... der Vater repräsentiert die Idee des immer währenden Krieges (...)".
Wir erkennen seine Bilder von Mutter und Vater (und später von Mann und Frau), und auch den Irrtum: Die Mutter ist zwar in der Regel die Person, die das kleine Kind pflegt und behütet, doch im sicheren, psychischen Zuhause ist ein Junge und werdender Mann beim Vater - er verleiht Stärke, nicht die Mutter. Diese Erfahrung fehlt Cohen. Trotz häufiger Depressionen und Einsamkeit findet er seine eigene Lösung, das sind Kunst und Kreativität. Sie sind die beste Spielart der Sublimation im Freud'schen Sinn, und sie sind es vielleicht, die es Cohen erspart haben, seinen Vater im eigenen Tod zu suchen. Dabei geholfen haben natürlich auch seine Vaterersatzfiguren.
Die Mutter
Meine Interpretation Cohens früherer Frauenprobleme ist damit vorbereitet. Cohen beschrieb in seinen Songs stets eine mystische Überhöhung der Frau. Er projizierte in sie eine Göttin-Muse, in der er etwas Ideal-Weibliches stets auf Neue sucht, und das verschleierte seinen Blick auf die Frau dahinter, die reale Partnerin. Diese Göttin-Muse war eine Projektion seiner idealisierten Mutter, deren weibliche Aspekte von Schutz, gewährendem Segen, unbedingter Liebe und weiser, ja mystischer Göttlichkeit, Attribute und Sehnsüchte, die er mit seiner Mutter verband.
Für das "Buch der Sehnsüchte hat Cohen zwei Gedichte über seine Mutter geschrieben, die diese Sicht unterstreichen. Dort gibt es auch die Zeichnung einer Hand mit den Zeilen:
"My mother's last hand - drawn in the last few months of her life - it is her hand and my hand drawn as one hand". (Die letzte Hand meiner Mutter, gezeichnet in den letzten Monaten ihres Lebens - es ist ihre Hand und meine Hand, gezeichnet als eine.).
Wir erkennen sein Empfinden symbiotischer Nähe zur Mutter. Masha Cohen starb 1978, was Cohen wohl sehr traf. Das anschließende Album "Recent Songs" hat er ihr gewidmet (siehe Forumsbeitrag). In einem Interview sagte er:
"Mir ist bewusst, dass viel meiner Liebe zur Musik von meiner Mutter her kommt, die eine wunderbare Stimme hatte. Sie war Russin und sang überall im Haus und diese (...) Melodien berührten mich sehr (...)".
Ein früher Tod des Vaters bedeutet nicht zwangsläufig, dass sich ein Sohn auf die Welt der Frauen konzentriert. Hinzu kommt vermutlich, dass Cohens Mutter ihn ihrerseits idealisierte und früh an ihn band. Sie unterstütze seine Musik und auch seine literarischen Ambitionen, und sein Einfühlungsvermögen lehrte ihn, dass man damit Frauenherzen gewinnt.
In oft geschmähten (und hier nur vorübergehend genutzten) Fachtermini: Leonard Cohen war bereits prä-ödipal an die Mutter gebunden und hat die ödipale Phase, also die Auseinandersetzung mit der Kraft des Vaters nicht durchlebt. Dies ist meine Hauptthese, dass Cohens Identität als Mann zwischen der Ablehnung der als kriegerisch erlebten oder phantasierten Welt des Vaters und der Schutzsuche bei einer übermächtig, ja potent ersehnten Frau-Göttin unvollständig blieb. Für den, der das psychoanalytische Triebkonzept ablehnt: Die Systemtheorie würde es ähnlich sehen, vielleicht so formulieren, dass Cohen nicht genug von seinem Vater nahm, und dass das seine Mutter auch von ihm erwartete. Wir kennen die Beziehung von Cohens Eltern untereinander nicht, zumindest fehlt es jedoch an Hinweisen, dass es für Masha wichtig war, dass Leonard seinen Vater ehrte und achtete. Die unausgesprochene Botschaft der Mutter in solchen Konstellationen lautet meist: "Werde nicht wie dein Vater, das würde mich enttäuschen. Bleibe mir verbunden, denn du bist mir wichtiger als er." Auch seine Suchtproblematik und die Tatsache, dass er nie verheiratet war (auch nicht mit Suzanne Elrod), weisen auf eine starke Mutterbindung hin.
Frauenbeziehungen
Mangels Identifikation mit dem Vater näherte sich Cohen den Frauen so, wie es der Beziehung zur Mutter entsprach, das heißt sanft, einfühlend, angenehm im Umgang, verständnisvoll, eher anbetend als dominant-männlich. Sein Image ist das eines intellektuellen Bohemiens der Beat-Generation, deren Rebellion sich meist auf schöne Künste, Spiritualität und Drogenkonsum beschränkte.
Das ideale Mutter-Weib, der archaische Mythos einer schönen Göttin, den er bei anderen Frauen suchte, war verbunden mit heimlicher Angst vor der Männerwelt und dem Wunsch nach Schutz in symbiotischer Verschmelzung. Doch eine erwachsene Frau lehnt auf Dauer einen derartigen Beziehungswunsch ab, sie weist die symbiotisch gesuchte Nähe und die Idealprojektion von sich, da sie sich überfordert oder als Person nicht wahrgenommen fühlt. Und sie spürt instinktiv, dass sie gegen diese innerlich geliebte und verehrte Mutter ihres Partners keine Chance hat. Letztlich verlässt sie den Mann.
Diese Macht, die eine Frau über ihn hatte, hat Cohen mehrfach beschrieben, auch die Hilflosigkeit, in der er sich zurückgelassen sieht (Beispiel: "One Of Us Cannot Be Wrong"). Er sah keine andere Möglichkeit, als diese Macht zu gewähren, damit sie, die Angebetete, bleibt, und hat vermutlich nicht gesehen, dass Frauen diese Machtposition gewöhnlich ablehnen. In "Avalanche" und im "Master Song", auch in "Hallelujah" und "Death Of A Ladies Man" finden wir Anhaltspunkte dafür, wie ernüchtert der Sänger darüber ist, wenn die Frau tatsächlich die dominante Rolle übernimmt, ihn wie einen Sklaven behandelt und verachtet. Cohen quält es, wenn die Göttin-Muse ihn verlässt und ebenso, wenn sie diese Projektion nicht erfüllt und sich als normale Frau entpuppt - und er äußert Verbitterung über den ausbleibenden Lohn für seine Anbetung, sogar Rachegefühle.
In zwei Songs beschreibt Cohen Dreiecksgeschichten. Bemerkenswert dabei ist eine Diffusion der Beziehungen, die Cohen selbst nie "auf den Punkt" gebracht hat, wie er es nannte ("I couldn't nail it"). Es handelt sich um das bekannte "Famous Blue Raincoat" und den "Master Song." Über beide wurde viel geschrieben, suchte man doch eine biografische "Erklärung" der Dreieckssituation, auch wenn Cohen sie nicht liefern konnte. Doch führten weder eine lyrische noch eine logische Untersuchung der Texte zu einem zufrieden stellenden Ergebnis. So verständlich der Wunsch der Fans ist, zu wissen, was und wen ihr Idol "eigentlich" meint, so vergeblich ist er. Es ist Cohen nur möglich, das Thema schwach verdichtet, in diffusen und ambiguösen Bildern auszudrücken, so als ob er seine eigene Position als Mann nicht orten könnte oder andere Männer Teile von ihm repräsentieren, die er selbst nicht besitzt. Sein Gefühl, nie "genug" Mann zu sein, kommt in mehreren Songs zum Ausdruck. Man denke auch an den Song "The Traitor", indem er sich sogar als Verräter an der Sache der Männer beschreibt - wobei jene Sache der Männer wieder einmal mit Krieg und Kampf zu tun hat.
Vielleicht ist es hilfreich, wenn man Cohens eigene Dreieckskonstellation mit Mutter und Vater berücksichtigt. Für mich ist der ominöse und nicht fassbare Konkurrent, der "Dritte" im Bunde (siehe Cohens eigenen Kommentar) stellvertretend für sein Alter-Ego, jener Schatten des Mannseins, den er fürchtet, unbewusst ablehnt, obwohl er ihn ersehnt und der ihn unvollständig sein lässt - letztlich ist das sein Vater. Die Indifferenz in den Songs mag also daraus entstehen, dass er glaubt, die Frau wünsche die ihm fehlende Seite der Männlichkeit - den Schatten eines anderen Mannes - herbei. Dabei ist das Resultat nicht Eifersucht (sie wäre männlich-rivalisierend), sondern das Gefühl, als Mann nicht zu genügen (vgl. "Paper Thin Hotel"). Und in der Tat, in meiner Interpratation ist der fehlende internalisierte Vater genau das, was seine Partnerinnen vermissten - ob nun in seiner Phantasie oder tatsächlich. Der Song "Never Any Good" bringt das zum Ausdruck.
Ein anderer Song, "Memories", der Cohen später eher peinlich war, unterstreicht das hier Gesagte. Er steckt sich darin einen deutschen Orden an, weil er eine groß gewachsene Blondine verführen will, das heißt, er benutzt, um zu beeindrucken und um sexuell zum Erfolg zu gelangen, ein äußeres Männlichkeitssymbol, sogar ein deutsches. Der Song geht jedoch über Selbstironie hinaus, er beschreibt eher Hilflosigkeit. War es in seinem realen Leben anfänglich Hypnose, damit sich das Zimmermädchen auszieht, oder waren es Lieder, mit denen er Mädchen beeindrucken wollte, stets sah er die Notwendigkeit, zu beindrucken, und doch war das Ergebnis unausweichlich ein "Never Any Good", eine bleibende Unsicherheit, ob er genug Mann ist. Das Frauen (oder Mütter) diese Unsicherheit beseitigen können, ist allerdings ein weit verbreiteter Irrtum, nicht nur der Cohens.
In den Kriegsszenarien in "The Partisan", "The Captain", "Lover, Lover, Lover" und "First We Take Manhattan" finden wir eine gewisse Annäherung an die Themen Kampf und Krieg, und auch eine hintergründige Faszination. Diese Songs zeigen jene Ambivalenz, die ich weiter oben erwähnte. Sie enden an dem Punkt, an dem wir zwar eine Annäherung an die Rolle erkennen, eine Art Herantasten, doch gibt es keine Verarbeitung und kein weiter führendes Szenario. Hier sehen wir erneut, wie Cohen zwischen zwei Männerbildern steht: Da ist einerseits das Vater-Imago, der Soldat, nur aus der Ferne faszinierend, und andererseits der Frauen hoffierende Troubadour und Don Juan.
Dies sind natürlich keine notwendigen Alternativen. Der Umgang mit Aggression, Krieg, Verteidigungsbereitschaft, Gehorsam etc. ist für sich genommen ein komplexes Thema und erfordert mehr als die Verarbeitung der eigenen Vaterthematik, wenn er dort auch beginnt: Die Kraft als Mann, in welch späterer Form auch immer, nimmt der Sohn vom Vater. Bei Cohen finden wir das Thema eher rudimentär und auch widersprüchlich behandelt. Cohens Fixierung auf Frauen ist bei seiner Kindheitserfahrung naheliegend, doch ist sie keine zwangsläufige Alternative. Sie dient der Abwehr des ungelösten Themas "Mannsein", so wie viele seiner Songs der Bewältigung des Leids dienen, das aus diesem ungelösten Thema entstand.
Wir verstehen nun, weshalb er sich stets gegen die Bezeichnung "Ladies Man" (Frauenheld) wehrte: Er war schlichtweg keiner, und das wusste er. Er war auch kein "Partisan der Liebe" - so der romantisierende Titel einer deutschen Biografie -, eher Pilger der Liebe, wenn nicht Bettelmönch. Etwas überzogen, doch treffsicher ironisiert er später den ihm fehlenden Teil männlicher Identifikation
SPIEGEL (2001) : Sie haben nie geheiratet, wären aber der perfekte Ehemann.
Cohen: Ich möchte eher sagen: die perfekte Ehefrau.
Gut aussehend, intelligent und klug, witzig, sehr charmant, erfolgreich, verführerisch - da alles trifft zu und zielte auch auf darauf, Frauen zu gewinnen, es hat aber mit einem Frauenhelden nichts zu tun. Die Bezeichnung ist vielleicht eher ein Ausdruck des Neids männlichen Publikums, weil Cohen viele wirklich schöne Frauen hatte - doch eben nicht als kraftvoller "Held", sondern als Anbetender und deshalb zwangsläufig als Leidender.
Eine Rechtfertigung
Diese psychologischen Sicht ist kein Versuch, Cohens Werk oder ihn als Person zu werten, das steht mir nicht zu, und ich habe dafür zu großen Respekt vor seinem Lebenswerk. Es ist nur eine Beschreibung, eine Annäherung an Dinge zwischen den Zeilen und unter der Oberfläche rein biografischen Betrachtens, an Dinge, von denen wir alle betroffen sind. Wenn ich psychoanalytische Vokabeln benutzt habe, dann nur als konzeptuelle Hilfe. Hätte Cohen nicht so gelitten, gäbe es viele seiner wunderbaren und berührenden Texte nicht. Sie spiegeln etwas wider, was in vielen von uns (vor allem uns Männern) vorhanden ist.
Psychologie kann ein Hilfsmittel zum Verständnis des Schaffens sein, nicht jedoch die Kunst erklären. Letztlich steht Cohens Lyrik über allen psychologischen Kommentaren, von denen wir ja fordern müssen, dass sie die Sicht nicht verkürzen, sondern erweitern.
Lebensweisheit
Das Obige mag für psychologisch Vorgebildete interessant sein, doch entspannen wir uns. Die Verwendung psychologischer Konzepte ist nur einer von vielen Versuchen, Leid zu erklären und zu überwinden. Jene große "Liebe", die Cohen in "Love Itself" und anderen Songs der letzten beiden Alben meint, liegt jenseits von Frau und Mann und dem Menschlichen überhaupt, auch wenn sie damit gleichzeitig identisch ist - sie liegt jenseits aller Worte und Konzepte, die wir davon bilden, seien sie nun bewusst oder unbewusst.
Zu der Sicht, die in "Here It Is", "The Faith" und "There For You" erscheint, ist es ein langer Weg, denn wir alle brauchen eine geraume Zeit, unsere Sexualität, jene vitale - und manchmal auch versklavende - Urkraft im Dienste des Lebens zu begreifen, als das, was sie ist, und sie zu formen, jedenfalls so weit, wie es unsere dunklen Seiten zulassen. Dazu gehört, wie es uns Cohens Leidenszeit eindringlich vor Augen führt, deren Abtrennung von unser aller Bedürfnis nach verschmelzender Nähe und Sicherheit und damit auch von den Personen, die sie zu gewähren versprechen, und auch von der mystischen Vereinigung mit dem Göttlichen - was immer wir auch darunter verstehen. Gelingt uns das nicht, verstricken wir uns in ein Gemenge von Idealen und Projektionen, von Übertragung, Gefühlen und Leid.
Cohen hat das auch schon vor seiner Klosterzeit erkannt. Zu "Coming Back To You" gab er 1988 einen kurzen, prägnanten Kommentar, in dem er seine eigene Verstrickung selbstironisch zusammenfasst, noch ohne eine Lösung gefunden zu haben:
"This is a song in which I have achieved the ultimate confusion of God and women."
Auch in anderen spirituellen Traditionen wird der Begriff "Liebe" für das Wirken eines Gottes oder einer anderen Schöpfungsinstanz benutzt. Man begibt sich dabei stets - qua Wortwahl - in die Nähe menschlicher Konzepte, unserer Sehnsüchte und Triebe. Im Buddhismus, und schon gar nicht im Zen, werden jedoch Begriffe wie "Liebe" konsequent vermieden. Verwendet Cohen also in seiner Post-Klosterzeit "Love", dann erscheint es uns wie ein Überbleibsel seiner früheren, persönlichen Verstrickung ("confusion").
Auch verschiedene Versuche, Cohen zu übersetzen, offenbaren diese Konfusion: In allen Übersetzungen (und auch in der Diskussion der Originale seitens native speakers) wird "Love", "Lover", sogar "Darling", unterschiedlich verstanden - ich habe das bei den Texten öfters angemerkt, besser gesagt, anmerken müssen. Das "you", das Cohen oft so mehrdeutig oder indifferent und mit wechselnden Objekten innerhalb der Songs verwendet, bietet ein ähnliches Problem. Ob nun eine Frau, er selbst im Selbstgespräch, ein göttliches Wesen bzw. sein "Love" aus "Love Itself" gemeint ist, ist oft eine Frage der Deutung und damit unserer persönlichen Sichtweise anheim gestellt. Auf Cohens Konfusion von Gott und Frauen und dem wechselnden "Du" setzen wir also unsere eigene Konfusion des Begriffes Liebe und unsere eigene Projektionen oben drauf, und das Ergebnis ist natürlich, dass jede und jeder von uns in den Texten etwas anderes findet. Wenn man so will, kann man genau das als das wesentliche Merkmal von Kunst bezeichnen: Sie gibt jedem von uns das, was er (oder sie) sucht. Die Einsicht zu vermitteln, dass die dualistische Sicht der Welt und das auch Verwenden von Konzepten grundsätzlich ein Irrweg sind, ist allerdings eines der Hauptanliegen jeder Spiritualität, auch des Buddhismus. Dort ist nicht nur "Liebe" ein Konzept unseres Denkens, sondern auch das "Du". Im Haiku, jener Lyrikform, die im Zen gerade noch statthaft ist, wird in äußerster Kürze, Abstraktion und unter Verwendung von Bildersprache darauf hingewiesen, dass wahres Verständnis jenseits der Sprache liegt. Wenn Cohen also mit seiner Form der Lyrik versucht, (wie in "Here It Is" und "Love Itself") dem Zen und seinen eigenen Zenerfahrungen gerecht werden, so ist das ein seltener und anspruchsvoller Versuch, der - trotz der verbliebenen Dualität - in dieser Form unübertrefflich erscheint. Vielleicht entdecken auch buddhistische Kreise diesen Beitrag Cohens zur buddhistischen Lyrik.
Dass Cohen litt - und dass er in Joshu Sazaki Roshi eine weise Vaterfigur fand - führte ihn ins Zenkloster. Wie es einem gehen muss, damit man diesen Weg wählt, welch gnadenlose Kur das für das eigene Ego bedeutet, und was es wiederum heißt, das Kloster zu verlassen, weiß nur der, der diesen Weg selbst gegangen ist. Cohen hat das an verschiedenen Stellen im "Buch der Sehnsüchte" etwas heruntergespielt, wenn er von Whiskey und Zigaretten spricht, die er mit Roshi teilte und uns wissen lässt, dass er während der Meditationen gerne dichtete. Er hat sich ironisch als "nutzloser Mönch" bezeichnet, und das pralle Leben, die "Boogie Street", wurde wieder der Platz seiner Wahl. Doch Songs wie "Morning Glory", das nach Cohens Klosterzeit entstand, und viele Passagen des 2008 erschienene Buch "Book Of Longing" weisen auch auf etwas anderes hin, was er im Kloster erfuhr. Die letzten beiden Alben, "Ten New Songs" und "Dear Heather", zeigen einen - ganz ohne Psychotherapie - geläuterten Cohen, der ja Therapie weder schätzte noch je in Anspruch nahm. Er ist inzwischen über 70 und jenseits der Thematik vieler seiner Songs:
SPIEGEL (2007): Sie sitzen hier, sind 72 und sehen blendend aus, Ihre Laune scheint bestens. Ihrem Klischee-Image des suizidgefährdeten, leidenden Künstlers werden Sie so nicht gerecht. Woher nehmen Sie Ihre neue Leichtigkeit des Seins?
Cohen: Indem ich in solchen Kategorien eben nicht denke. Ich bin an mir als Person längst nicht mehr interessiert. Das habe ich im Kloster abgelegt. Ich könnte Ihnen jetzt zwar irgendwelche konstruierten Thesen zu Humor, Depressionen und Optimismus im Allgemeinen darlegen; aber das wäre nur eine höfliche Geste, um Ihnen einen Gefallen zu tun, und weit weg von der Wahrheit meines Lebens.
Nun, derart konstruierte Thesen habe ich mir oben erlaubt. Irgendwann mag man nicht mehr über das vergangene Selbst sprechen, es wird endlich unwichtig. Doch unsereins liest und hört weiterhin auch die alten Texte und Songs, wird berührt und möchte besser verstehen, warum. Nichts von dem, was Cohen schrieb und sang, ist uns wirklich fremd. Nicht nur Suzanne hält den Spiegel, auch Leonard Cohen tut es.
Noch einmal zum Thema Zen:
"Schwermütiger Held", von Dallach, Christoph
"(...) Im Wiener Konzerthaus, in einem prachtvollen Saal mit Marmorsäulen, Kronleuchtern und rot gepolsterten Stühlen, steht der Poet und Musiker Leonard Cohen auf der Bühne und verspricht dem ehrfürchtig lauschenden Publikum auf immer die Lösung aller Rätsel des Lebens. Ein kleiner, fragiler alter Mann in einem eleganten grauen Anzug, himmelblauem Hemd, tief ins Gesicht gezogenem Fedora-Hut und glänzenden schwarzen Schuhen, der mit rau geschmirgelter Stimme behauptet: "Alle Mysterien des Kosmos haben sich mir in dieser Nacht in Wien erschlossen, und die Antwort lautet ...", er schweigt bedeutungsvoll, schließt die Augen, geht leicht in die Knie und singt: "Du-dam, du-dam, du-dam, dam-dam-dam, dam, dadam ...!"
Das Publikum tobt, als hätten sich ihm an diesem Mittwochabend tatsächlich sämtliche irdischen Rätsel erschlossen. Alle erheben sich von ihren Sitzplätzen, wie so oft an diesem Abend, und klatschen noch lauter, noch aufgekratzter. Der alte Meister lächelt, der Saal strahlt zurück. (...)"
Viel psychologische Deutung bringt vielleicht etwas Verständnis, doch für die meisten Hörer, Leser und Fans auch Verwirrung durch all die verbalen und konzeptuellen Hilfsmittel. Die zen-buddhistische Sicht ist eine andere. Cohen bringt sie auf die Bühne, wie oben zitiert (auch wenn sich die Szene etwas anders abgespielt hat), und er hat damit tatsächlich und ganz ohne Ironie "sämtliche irdischen Rätsel erschlossen". Doch wie das wiederum gemeint ist, verstehen auch nur manche Leute. Es sind nicht immer Worte, die Einsicht vermitteln oder Einsicht verdeutlichen, und manchmal lässt er es lieber unter einer Dunstglocke:
"No words this time? No words. No, there are times when nothing can be done. Not this time. Is it censorship? No, it's evaporation." (aus "Morning Glory")
Auch persönliches Wachstum - und das Älterwerden - kann helfen, sich von "normalneurotischen" Fesseln zu befreien. "There is a crack in everything / That's how the light gets in" ist eine der schönsten Zeilen Cohens - und manchmal erscheint Licht auch dann, wenn es das alte Ich ist, das zerbröckelt. Oder nur dann.
Zurück auf der Boogie Street, sieht es dann so aus wie früher - und doch ist es anders. "This woman" auf der Zeichnung wird nicht mehr mit der Sehnsucht nach der großen Liebe kontaminiert. Es ist einfach eine Frau, deren Schönheit man - wie auch im Song "Dear Heather" - genießen kann und auch sollte, nicht mehr süchtig nach dem mystischen Weib, sondern weil die Boogie Street eben so ist, solch wunderbare Dinge bietet.
(Bildquelle: The Leonard Cohen Files, mit freundlicher Genehmigung von Jarkko Arjatsalo, Copyright bei Leonard Cohen.)
Gassho, Leonard!
© 2009 Detlev Bölter
Jede Art der Verbreitung oder Veröffentlichung ist untersagt.
Bildquelle für "Nathan Cohen" und "Masha Cohen": Ira Bruce Nadel: "Various Positions", Univ. of Texas Pr. 2007, S. 116 |