Songtexte von Leonard Cohen

mit deutscher Übersetzung


The Captain (Various Positions)

Der Captain

Now the Captain called me to his bed
He fumbled for my hand
"Take these silver bars," he said
"I'm giving you command."
"Command of what, there's no one here
There's only you and me --
All the rest are dead or in retreat
Or with the enemy."

"Complain, complain, that's all you've done
Ever since we lost
If it's not the Crucifixion
Then it's the Holocaust."
"May Christ have mercy on your soul
For making such a joke
Amid these hearts that burn like coal
And the flesh that rose like smoke."

"I know that you have suffered, lad,
But suffer this awhile:
Whatever makes a soldier sad
Will make a killer smile."
"I'm leaving, Captain, I must go
There's blood upon your hand
But tell me, Captain, if you know
Of a decent place to stand."

"There is no decent place to stand
In a massacre;
But if a woman take your hand
Go and stand with her."
"I left a wife in Tennessee
And a baby in Saigon --
I risked my life, but not to hear
Some country-western song."

"Ah but if you cannot raise your love
To a very high degree,
Then you're just the man I've been thinking of --
So come and stand with me."
"Your standing days are done," I cried,
"You'll rally me no more.
I don't even know what side
We fought on, or what for."

"I'm on the side that's always lost
Against the side of Heaven
I'm on the side of Snake-eyes tossed
Against the side of Seven.
And I've read the Bill of Human Rights
And some of it was true
But there wasn't any burden left
So I'm laying it on you."
Now the Captain he was dying
But the Captain wasn't hurt
The silver bars were in my hand
I pinned them to my shirt.
Der Captain rief mich an sein Bett
Er tastete nach meiner Hand
"Nimm diese Silberspangen" sagte er (*)
"Du hast jetzt das Kommando"
"Kommando über was? Niemand ist hier
Nur Sie und ich
Alle andern sind tot, auf dem Rückzug
Oder in den Händen des Feindes"

"Jammern, jammern, mehr kannst du nicht
Seit unserer Niederlage
Wenn's mal nicht um Kreuzigung geht
Dann um den Holocaust"
"Möge Christus Ihrer Seele gnädig sein
Damit scherzt man nicht
Inmitten verbrennender Herzen
Und Fleisch, das in Rauch aufgeht"

"Ich weiß um dein Leid, Bursche
Doch trag' es eine Weile:
Was auch immer einen Soldaten traurig macht
Einen Mörder bringt es zum Grinsen"
"Ich gehe, Captain, ich muss weg
An Ihrer Hand ist Blut
Doch sagen Sie mir, Captain, wissen Sie
Einen anständigen Ort für mich?"

"Es gibt keinen anständigen Ort
In einer Schlacht
Doch reicht dir eine Frau die Hand
Dann geh und bleib bei ihr"
"Ich verließ eine Frau in Tennessee
Und ein Baby in Saigon
Ich riskierte mein Leben doch nicht für
Einen Country-Western-Song"

"Ach, wenn dir Liebe
Nicht über alles geht
Dann bist du mein Mann
Dann komm und bleib bei mir"
"Ihr Dienst ist rum" rief ich
«Sie können mich nicht verpflichten
Ich weiß ja nicht mal mehr, für welche Seite
Wir kämpften, oder für welche Sache"

"Ich bin auf jener Seite, die stets
Gegen den Himmel verlor
Ich bin Pasch Eins gegen (**)
Die Sieben
Ich habe die Menschenrechte gelesen
Einiges davon ist richtig
Doch da sie nicht verpflichtend sind
Musst du selbst entscheiden"
Und der Captain starb
Ganz ohne Wunden
Ich hielt seine Silberspangen
Und steckte sie an mein Hemd


(*) Militärisches Abzeichen. Ein US-Captain trägt zwei miteinander verbundene Silberspangen in Rechteckform ( = Barren)
(**) Snake Eyes bedeutet im Würfelspiel zwei Einser, eine Sieben wird sechs Mal häufiger geworfen.
"Ich begann diesen Song vor vier Jahren, und er hatte 30 oder 40 Strophen. Ich musste eine Auswahl treffen, was noch kein Qualitätsmerkmal ist, doch zumindest den Willen dazu bezeugt. Zwei Zeilen finde ich, neben anderen, als wahr: 'Was auch immer einen Soldaten traurig macht / Einen Mörder bringt es zum Grinsen'. Mit anderen Worten, wir sind wirklich eine Gattung von Raubtieren. Wir sind einzigartig in dem Sinne, dass wir zum Vergnügen töten. Wir müssen begreifen, dass wir auf Leute treffen werden, die von ihrem Wesen her töten. Es ist nicht wie im Krieg oder bei der Selbstverteidigung. Wir müssen uns vorbereiten, sonst sterben wir aus Naivität. Das ist das Hauptthema bei 'The Captain', eine Übergabe, in der ein Corporal, der einfache Soldat, vom Captain belehrt wird, der weiß, dass seine Aufgabe im Kampf besteht. Der Soldat erwägt, dass im Angesicht von so viel Schmerz und Blutvergießen sein einziger Ausweg darin liegt, den Kriegsschauplatz zu verlassen. Doch der Captain setzt seine Unterweisung fort, indem er ihm sagt: 'Es gibt keinen menschenwürdigen Ort'."
Interview (© Magazine "Paroles et Musiques", 1985)

Einer der Songs, in denen Cohen das (sonst als romantisch verpönte) Leben mit Frau und Kind dem männlichen Dasein als Krieger gegenüberstellt, ein Weg wie zwischen Skylla und Charybdis. Klingt es etwas nach Paranoia? Ein wenig nach der us-republikanischen Argumentation, dass Amerika lediglich die Freiheit der Welt verteidigt? Auf jeden Fall deutet sein Kommentar: "Wir müssen begreifen, dass wir auf Leute treffen werden, die von ihrem Wesen her töten. Es ist nicht wie im Krieg oder bei der Selbstverteidigung" eine etwas verkürzte Sicht an, so als ob Soldaten stets nur schützen und die Killer stets auf der Gegenseite sind.
Ich habe an anderer Stelle darauf hingewiesen, wir schwer es Cohen mit dem Finden einer zu ihm passenden Männerrolle hatte - von den beiden Alternativen, die er in "The Captain" vorstellt, hat er jedenfalls keine gewählt, auch wenn er sich im Song die Abzeichen ansteckt. "30 oder 40 Strophen" deutet jedenfalls darauf hin, wie sehr Cohen an diesem Thema arbeitete. Hier spricht er möglicherweise stellvertretend für seinen Vater, der ihn ja zur Armee schicken wollte. Ist der Song ein Tribut an ihn?


Originaltexte: Copyright für Deutschland bei Sony/ATV Music Publishing.
Übersetzungen: Copyright Detlev Bölter


Fast alle Interviewzitate (in Parenthesen) unterhalb der Songtexte stammten im Original von der Website "Diamonds in the lines" von Marc Gaffie:
www.leonardcohen-prologues.com.